In einer Medienmitteilung Mitte April verkündete der Bund, dass die Treibhausgasemissionen der Schweiz seit 1990 um 26% zurückgegangen sind (1). Ist die Schweiz also auf einem guten Weg, ihre Klimaziele zu erfüllen? Die Antwort ist komplexer. Denn mehr als zwei Drittel (2) unserer Emissionen entstehen nicht in der Schweiz selbst, sondern im Ausland – bei der Herstellung, Verarbeitung und dem Transport von Gütern, die wir hierzulande konsumieren oder verbauen: beispielsweise Stahl, Plastik oder Elektronik.
Diese importierten Emissionen tauchen in der offiziellen Klimabilanz kaum auf – und genau hier liegt eine der grössten, und bislang unbeachteten Schwachstellen unserer Klimapolitik.
Was sind importierte Emissionen?
Importierte Emissionen (3) entstehen bei der Herstellung und beim Transport von Produkten, die in die Schweiz eingeführt und hier konsumiert werden. Dazu gehören typischerweise:
- Stahl, Zement und Aluminium
- Fahrzeuge und Maschinen
- Elektronik
- Textilien und andere Konsumgüter
- Lebensmittel
- Erdöl (4)
- Chemikalien und Kunststoffe
Warum ist das problematisch?
Die Schweiz präsentiert sich gerne als Klimavorbild – mit ambitionierten Klimazielen und Erfolgen bei der Reduktion der inländischen Emissionen. Doch dieser Erfolg ist nur die halbe Wahrheit, denn die offizielle Bilanz blendet die importierten Emissionen aus. Diese Praxis verzerrt die tatsächliche Verantwortung der Schweiz und gaukelt Fortschritte vor, die in Wahrheit oft nur eine Folge des Verlagerns von Emissionen ins Ausland sind. Die Schweiz schreibt sich auf dem Papier eine weisse Weste, dabei zählt sie tatsächlich – unter Einbeziehung der importierten Emissionen – zu den Ländern mit den höchsten Pro-Kopf-Emissionen weltweit (5).
Anteile inländischer und importierter Emissionen im Jahr 2021 (links) und Entwicklung der importierten und inländischen Emissionen der Schweiz seit dem Jahr 2000 (rechts) (2)


Carbon Leakage – ungerechte Auslagerung der Emissionen ins Ausland
Carbon Leakage beschreibt den Vorgang, dass Unternehmen ihre Produktion ins Ausland verlagern, um strengeren Klimavorgaben in der Schweiz zu entgehen. Dadurch sinken die offiziellen inländischen Emissionen, weil die emissionsintensive Produktion nun nicht mehr in der Schweiz stattfindet. Die globalen Emissionen hingegen bleiben gleich oder steigen sogar weiter an.
Führende Klimaforschende und Organisationen wie der IPCC betonen: Der Klimaschutz darf nicht an der Landesgrenze haltmachen. Emissionen sollten nicht nur dort gezählt werden, wo sie entstehen, sondern auch dort, wo sie verursacht werden. Ohne die Berücksichtigung importierter Emissionen verschieben wir die Klimabelastung de facto in andere Länder – während wir uns hier als klimafreundlich betiteln.
Importierte Emissionen pro Kopf (Netto, 2022) (6)

Zahlen und Fakten: Die Schweiz als Importweltmeisterin
Gemäss Zahlen des Bundesamts für Statistik stammen mindestens zwei Drittel unserer gesamten Klimabelastung aus dem Ausland (2). Während die inländischen Emissionen seit 2000 immerhin um 23 % reduziert werden konnten, sind die importierten Emissionen im gleichen Zeitraum je nach Messung entweder kaum zurückgegangen oder sogar deutlich gestiegen. Während das Bundesamt für Statistik von einer Reduktion um knapp 1 % ausgeht, zeigt das Global Carbon Project gar eine Zunahme der importierten Emissionen von mehr als 30% (7).
Warum die bisherige Klimapolitik nicht ausreicht
Die Schweizer Klimapolitik konzentriert sich bislang auf die Emissionen innerhalb der Landesgrenzen:
- Es gibt keine gesetzlichen Reduktionsziele für die importierten Emissionen.
- Es gibt keine Anreize für klimafreundliche Lieferketten oder nachhaltigen Konsum.
- Schweizer Unternehmen, die im Inland klimafreundlich produzieren, sind im Wettbewerb gegenüber klimaschädlichen Importen strukturell benachteiligt.
So entsteht ein unvollständiges Bild unserer Klimabilanz. Das schwächt unsere Klimaschutzbemühungen und behindert eine faire Wettbewerbslandschaft.
Was die Initiative des Vereins Klimaschutz Schweiz ändern will
Die Initiative will erstmals auch die importierten Emissionen in die Klimabilanz einbeziehen und fordert konkrete Massnahmen:
- 💪 Wir schliessen die grösste klimapolitische Lücke. Wir haben für fast alle Klimabereiche Regeln. Nur bei den Importen sind wir auf einem Auge blind. Und das, obwohl sie so viel mehr ausmachen als die inländischen Emissionen.
- 🏔️ Wir schützen, was uns wichtig ist. Die Schweiz ist als Alpenland besonders betroffen. Die Temperatur steigt hierzulande deutlich schneller als im globalen Durchschnitt. Wenn wir wirklich alle Emissionen angehen, können wir uns - und alles, was uns wichtig ist - auch viel besser schützen.
- 🌱 Wir machen die Schweizer Wirtschaft zukunftsfähig. Die Schweiz hat als innovatives Land ganz viele Lösungen zu bieten. Das muss belohnt werden. Wer fair und sauber produziert, darf nicht länger gegenüber billigen, klimaschädlichen Importen benachteiligt sein.
Fazit: Klimaschutz darf nicht an der Grenze enden
Wenn die Schweiz es mit Klimaschutz ernst meint, darf sie nicht länger die importierten Emissionen ausblenden. Ohne eine faire Einbeziehung dieser Emissionen bleibt unsere Klimapolitik unvollständig und verzerrt. Die Initiative schliesst die grösste Lücke der Schweizer Klimabilanz und stärkt gleichzeitig die Innovationskraft unserer Wirtschaft.
Lasst uns Geschichte schreiben – mit der ersten Initiative, die die gesamte Klimabilanz der Schweiz ins Auge fasst. Für echte Klimagerechtigkeit. Für die Zukunft. Für uns alle.